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Tori – Victor Gdowczok & Uke – Alexandra Roßbach  … foto pernikoaus by phoenix-voice-cologne…

 

 

Der Schirmherr der Ersten Inklusiven KATA Landesmeisterschaften NRW  am 10.04.2016 in Köln

Wolfgang Dax-Romswinkel

schreibt …

(Erster nicht japanische Weltmeister in der JUNO KATA )

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

nun sitze ich hier und habe den Kopf voller Gedanken, die erst einmal sortiert werden wollen. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich, denn inklusive Kata-Wettbewerbe stehen schließlich noch ganz am Anfang. Verstehen Sie also bitte die folgenden Zeilen auch als Ausdruck meines persönlichen Ringens um den rechten Zugang zur Verbindung zweier Themen, die mich seit einigen Jahren beruflich (Inklusion) und privat (Judokata) beschäftigen.

 

Inklusion – nur ein neuer Begriff oder eine neue Idee?

Inklusion als gesellschaftliches Leitbild beschreibt die Utopie des eigentlich Selbstverständlichen. Sie ist die Konsequenz zweier oft zitierter Sätze: „Die Menschen sind von Geburt an gleich“ und „Die Würde es Menschen ist unantastbar“. Eine Gesellschaft, die sich diesen Grundsätzen verpflichtet fühlt, muss sich selbst so gestalten, dass jeder Mensch seinen/ihren würdigen Platz in der Gesellschaft findet. Im Begriff „Inklusion“ verdichtet sich somit aus der Perspektive des Individuums das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe. In diesem Sinne ist „inkludiert-sein“ ein grundlegendes Menschenrecht.

Integration geht nicht von der Utopie einer idealen Gesellschaft aus, sondern von der Realität, dass es in jeder Gesellschaft Randgruppen gibt: Menschen mit Behinderung, religiöse Minderheiten und andere, die nicht zur Majorität gehören und denen nicht in vollem Umfang Teilhabe (er)möglich(t) ist.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, dass Inklusion und Integration (im vorgenannten Sinn) dasselbe oder zumindest Ähnliches meinen, so besteht doch soziologisch gesehen ein großer Unterschied. Integration versucht die Eingliederung der randständigen Minderheit in die den Wertekodex der Gesellschaft definierende Mehrheit. Der Anpassungsdruck wird also von der Mehrheit erzeugt und der Minderheit auferlegt. Inklusion dagegen fordert eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu einem Zustand, in dem niemand mehr ausgeschlossen ist. Ist Inklusion verwirklicht, besteht kein Bedarf mehr zu Integration.

Inklusion – und diese letzte Feststellung ist mir besonders wichtig – entlässt aber den Einzelnen nicht von der sozialen Verpflichtung, im eigenen Tun auch die gesamtgesellschaftlichen Belange positiv zu berücksichtigen. Im Gegenteil: Inklusion fordert in dem Sinn auch ein „inkludiert-sein-wollen“, denn wer sich selbst neben oder außerhalb der Gesellschaft stellt, darf nicht von derselben Gesellschaft fordern, dennoch eingeschlossen zu sein. Toleranz seitens Anderer gegenüber der eigenen Intoleranz von genau jenen Anderen zu fordern, ist zwar durchaus verbreitet, widerspricht aber jeglichem Gedanken eines inklusiven Ideals.

 

Integratives Judo ist Teil einer inklusiven Judokultur

Integration darf keine negativen Konnotationen bekommen, wie dies in akademischen Diskussionen durch die Kontrastierung Integration <-> Inklusion mitunter geschieht. Integrative Gruppen im Sport verfolgten seit jeher das Ziel des gemeinsamen Sporttreibens von Menschen mit und ohne Behinderung. Integrative Judogruppen wollen also inklusives Judo verwirklichen – und tun es auch in nahezu idealer Weise.

 

 

Die Kata im Judo

Kata beschreibt im Allgemeinen das Üben einer im Voraus festgelegten Form von Angriff und Verteidigung. Kata enthält also keine überraschenden Elemente und Situationen, wodurch sie sich vom freien Kämpfen unterscheidet. Die theoretische Anzahl von solchen Formen (Kata im Wortsinn)  ist nahezu unbegrenzt, weil es immer wieder neue Varianten von Angriff und Verteidigung gibt, die geübt werden können.

Der Tradition alter japanischer Kampfkünste folgend diente Kata im Lauf der Entwicklungsgeschichte des Judo als Standardisierungsinstrument. In diesem Sinn sind seit Begründung des Judo im Jahr 1882 repräsentative Kata festgelegt und zum Ausbildungsstandard erhoben worden.

Der Übungswert von Kata

Jede Kata folgt zunächst einer theoretischen Idee von Angriff und Verteidigung. Dies wird durch den Begriff „riai“ ausgedrückt, der das Ideal einer Bewegungsausführung als „in Harmonie („ai“) mit den Prinzipien/der Theorie („ri“) beschreibt. Kata ist somit immer gleichermaßen praktisch umgesetzte Theorie wie auch reflektierte Praxis. Theorie und Praxis wirken dadurch auch als wechselseitige Katalysatoren, sodass das Lernen kein Ende zu finden scheint. Kata bringt somit jeden Judo-Übenden an individuelle Grenzen und ist dadurch gleichzeitig Anlass zur Weiterentwicklung.

Dies ist nicht nur auf die technisch-mechanische Ebene beschränkt, sondern besitzt auch eine sozial- emotionale Komponente. Stets ist der ganze Mensch beteiligt – im Falle der Judokata sogar zwei Menschen in einem Bewegungsdialog. Es ist ein Üben mit „Kopf, Herz und Hand“, ganz im Sinne Heinrich Pestalozzis, dessen Grundgedanken sich übrigens in bemerkenswerter Weise in der pädagogischen Grundlegung des Judo durch Jigoro Kano in den 1880er Jahren wiederfindet.

 

Inklusion und die Grundprinzipien des Judo nach Jigoro Kano

Nun haben uns die Gedanken zur Kata unweigerlich zu Jigoro Kano geführt, der in erster Linie Pädagoge war und über ein Vierteljahrhundert die Ausbildung der Mittelschullehrer in Japan verantwortete. Vor etwa 100 Jahren begann er seine Prinzipien „seiryoku-zenyo“ (bestmöglicher Einsatz von Körper und Geist) und „jita-kyo´ei“ (wechselseitige Unterstützung zum allgemeinen Gedeihen) formuliert. Das Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung – so Kano – sei das individuelle Glück des Einzelnen, das nur eingebettet in das gesamtgesellschaftliche Wohl erreicht werden kann. Hierzu müsse jeder sein Bestmögliches beitragen. Rassismus und andere Formen der Unterdrückung müssten unterbunden und durch eine allumfassende gesellschaftliche Harmonie abgelöst werden.

Auch wenn es den Begriff der Inklusion vor 100 Jahren noch nicht gab: Kanos Idealbild beschreibt eindeutig eine inklusive Gesellschaft – und Judo sollte ein Mittel sein, dieses gesellschaftliche Ideal zu verwirklichen. Dies ist der Kern der Philosophie des Kodokan-Judo.

Gemeinsame Kata von Menschen mit und ohne Behinderung

Tori Victor Gdowczok  & Uke Alexandra Roßbach  ...foto pernikolaus by phoenix-voice-cologne...

Tori Victor Gdowczok & Uke Alexandra Roßbach
…foto pernikolaus by phoenix-voice-cologne…

Als Kind habe ich gelernt, dass beim Judotraining jeder bereit sein muss, mit jedem zu üben. Jedes Gruppenmitglied muss als Trainingspartner/in und Mensch wertgeschätzt werden, sich aber auch selbst positiv einbringen. Damals habe ich das nur auf einer technischen und übungspraktischen Ebene verstanden, heute weiß ich, dass dies eine unmittelbare Ausprägung eines inklusiven Gedankens ist.

Wenn nun Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam üben, so ist diese Konstellation maximal heterogen, eröffnet aber für beide große Chancen der persönlichen Entwicklung. Der Partner mit Handicap erfährt Fürsorge und Geduld, der Partner ohne Handicap muss lernen, diese Geduld aufzubringen. Ist für den einen das Memorieren der Reihenfolge innerhalb einer Kata bereits eine große Leistung, so kann für andere die Erschließung feinster technischer Details der Kern der Herausforderungen sein. Kata als Übungsform bietet somit beiden entwicklungsförderliche Anregungen – wenn das Üben im Geist des gemeinschaftlichen Lernen stattfindet.

 

Von der „Meisterschaft in inklusiver Kata“ zur „Inklusiven Kata-Meisterschaft“

Nun freuen wir uns auf die erste Meisterschaft in „inklusiver Kata“ in NRW. Aber müsste man nicht eigentlich noch einen Schritt weiter gehen? Ja, ich denke, wir alle sollten darüber nachdenken, ob die „Meisterschaft der inklusiven Kata“ – also eine gemeinsame Kata von je einem Judoka mit und einem ohne Handicap – im Rahmen derselben Meisterschaften ausgetragen wird, an der bislang ausschließlich  Paare ohne Handicap teilnehmen. Ein solche Veranstaltung müsste natürlich zur Wahrung der Chancengleichheit in getrennten Wettkampfklassen ausgetragen werden. Sofern es jedoch keine zwingenden organisatorischen Gründe gibt, die dem entgegenstehen, wüsste ich nicht, was dem Gedanken der Inklusion mehr entsprechen würde, als umfassende – also eine im Wortsinn „inklusive“ – Kata-Meisteschaften für alle.

Aber freuen wir uns zunächst über den ersten gelungenen Schritt, der sicherlich ein Meilenstein im Sinne des gesellschaftlichen Ideals Jigoro Kanos ist, dem aber gewiss noch weitere Schritte folgen werden. In diesem Sinn freue ich mich auf die Zukunft!

Wolfgang Dax-Romswinkel

 

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